Schwab, G. 1998. Der Biber als Leitart für intakte Talräume. natur und mensch 3/98:22-25
(Vortrag auf der 2. Hochrhein-Fachtagung am 15.5.1998 in Bad Säckingen)

 

Der Biber als Leitart für intakte Talräume

Biberlebenraum: wer denkt da nicht an ein langsam fließendes oder stehendes Gewässer mir breitem Gehölzsaum, die Biberburg hervorragend in der Mitte des Bibersees und dazu der obligatorische Biberdamm. Eine Vorstellung, die von Biberberichten im Fernsehen und Bildern in Büchern geprägt ist, eine Vor- stellung, die ebenso schön wie falsch ist. Die meisten mitteleuropäischen Biber leben nicht in ungestörten, naturnahen Auwäldern, sondern in der Kulturland- schaft, zum Teil in Entwässerungsräben in ausgeräumten Agrarflächen oder sogar inmitten von menschlichen Siedlungen. Und sie leben dort nicht einmal schlecht. Der Biber in der Kläranlage (auch das kommt vor) – eine Leitart für intakte Talräume?

Biber gestern
Um die Mitte des letzten Jahrhunderts stand das Überleben des Bibers in Europa auf Messers Schneide. Der Mensch hatte den Biber wegen seines Fleisches, seines Pelzes und wegen des Bibergeils, einem als Allheilmittel geltenden Drüsensekret,  gnadenlos verfolgt. Diese Verfolgung hatten nur wenige Tiere überlebt. Kümmerliche Restvorkommen blieben an der Mittel- elbe, in Polen, in Südfrankreich, in Südnorwegen und in Rußland. Die Rück- zugsgebiete der Biber waren vom Menschen kaum genutzte und kaum nutz- bare, wenig zugängliche Auebereiche wie z.B. an der Mittelelbe. Die Lebens- räume dieser Restvorkommen prägten dann auch das “klassische” Bild von den Biberlebenräumen: große, ungenutzte Weichholzauen. Der Trugschluß bei die- ser Vorstellung war, daß der Biber das braucht, was der Mensch ihm gelassen hat. Daß der Biber vor der Verfolgung durch den Menschen die ganze Vielfalt von Gewässern zwischen Griechenland und dem Polarkreis, zwischen Brack- wasser und Mittelgebirgsbach besiedelt hatte, war vergessen.

Das Comeback der Biber
Die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts brachte das Comeback des Bibers. Strenger Schutz und eine Vielzahl von Wiedereinbürgerungsprojekten haben Biber in den letzten Jahrzehnten wieder in viele Gebiete zurückgebracht, aus denen er zum Teil schon seit mehreren Jahrhunderten verschwunden war. Hier hat er uns gezeigt, daß er seine alten Fähigkeiten immer noch besitzt und weit mehr ist, als eine hochspezialisierte, an Weichholzauen angepaßte Art. Bei Wiedereinbürgerungen wurden die Biber in der Regel in den Habitaten frei- gelassen, die als “ideale” Biberlebensräume galten: die Auwälder an mittleren und größeren Flüssen. Die Nachkommen der ausgesetzten Tiere wanderten jedoch bald aus den zumeist kleinflächigen Auwaldresten ab und machten sich auf den Weg, ihre alte Heimat zu wieder zu erobern. Diese hatte der Mensch während ihrer Abwesenheit gründlich verändert: aus mändrierenden Bächen waren schnurgerade Gräben mit genormter Böschung geworden, gewässer- begleitende Gehölze waren auf kümmerliche Reste abgeholzt oder in Fichten- plantagen umgewandelt worden, und auf früher unzugänglichen Feuchtflächen standen bis zum Horizont Maisschläge und Zuckerrübenfelder.

Zuckerrüben, Mais und Getreide statt Mädesüß und Sauerampfer
Die Biber störte das jedoch nur wenig, sie kommen mit den Veränderungen hervorragend zurecht. Sie siedeln inmitten der ausgeräumten Agrarlandschaft in kleinen Entwässerungsgräben und fressen Zuckerrüben, Mais und Getreide statt Mädesüß und Sauerampfer. Die energiereiche Nahrung aus der Land- wirtschaft ermöglicht den Bibern, sich ein etwas dickeres Fettpolster für den Winter zuzulegen, und so die Gehölzarmut an manchen Gewässern zumindest teilweise auszugleichen. Biber bewohnen Schönungsteiche von Kläranlagen und legen ihre Baue unter Wegen und Straßen an; selbst wenn es sich dabei um eine stark befahrene Autobahnausfahrt handelt: kein Problem, der Biberbau wird seit über einem Jahrzehnt durchgehend genutzt.

Direkte menschliche Nähe stört sie ebensowenig. Sie bauen ihre Dämme mitten in Dörfern, fressen im Herbst die heruntergefallenen Äpfel in Obstgärten und fällen im Winter Zwetschen- und Birnbäume vor Wohnzimmerfenstern. Auch mit einer massiven Versteinung von Ufern können sie leben. An der Donau unterhalb von Regensburg hat eine Biberfamilie ihre Burg einfach auf der Steinschüttung angelegt: eine Biberburg mit Fußböden aus bestem Bayer- waldgranit. Etwas exklusiver als die Betonröhre, die sich die Biber auf dem Gelände des Augsburger Flughafens als “Burg” ausgesucht haben.

An ihre Grenzen stoßen Biber offensichtlich nur bei wirklich extremen Ver- hältnissen: auf langer Strecke in Beton gefaßte Gewässer ohne Ufervegeta- tion. An diesen Strecken ist dann auch für den anpassungsfähigsten Biber keine Ansiedlung möglich, sie werden aber, wie das Beispiel der Wien in der gleichnamigen Stadt zeigt, durchaus als Wanderstrecke genutzt.

Nothabitate ohne Not
Man könnte nun annehmen, daß die oben geschilderten Biberlebensräume eine Art "Nothabitate" sind, die die Tiere nur mangels anderer Möglichkeiten nutzen, und in denen sie mehr oder weniger dahinvegetieren. Ersteres ist rich- tig, das zweite scheint aber nicht der Fall zu sein. Viele dieser Ansiedlungen bestehen seit über einem Jahrzehnt, einige seit über zwei Jahrzehnten, oft ohne daß die anfangs befürchtete Übernutzung der oft nur spärlich vorhande- nen Gehölze festzustellen wäre. Die Biber in diesen Lebensräumen haben regelmäßig Nachkommen, und die Gewichte erwachsener Tiere stehen mit 25 kg und mehr ihren Artgenossen aus den Auwäldern an der Donau oder der Elbe in nichts nach. Kein Hinweis darauf, daß es den Bibern zwischen Zuckerrüben und Mais viel schlechter geht als zwischen Weiden und Erlen.

Wo der Biber lebt, muß die Welt also nicht unbedingt in Ordnung sein.

Intakte Talräume - ein Problem für den Menschen?
Kann denn dann diese Art, deren Lebensraumansprüche sich auf etwas Wasser zum Schwimmen, ein einigermaßen grabbares Ufer zur Anlage eines Baues und einige Bäume und Büsche als Winternahrung reduzieren können, eine Leitart für intakte Talräume sein?

Durchaus - nicht weil sie in diesen alles andere als intakten Talräumen zu- rechtkommen, sondern weil wir Menschen in diesen Lebensräumen nicht mit den Bibern zurechtkommen. Egal ob Kläranlage, Autobahnausfahrt, Obstgarten oder Entwässerungsgraben: in all diesen “neuen” Lebensräumen entfalten Biber ihre landschaftsarchitektonischen Fähigkeiten ebenso wie im ungenutzten Au- wald.

Wenn Biber in kleinen Entwässerungsgräben Dämme bauen, um den Wasser- stand entsprechend ihren Anforderungen zu regulieren, dann vernässen und überfluten Äcker, Wiesen, Wege und Keller, setzen sich Drainageröhren zu und brechen durchnässte Ufer ins Gewässer ab – kein Problem für den Biber, aber für uns Menschen.

Wenn Biber unter Feldern und Straßen in die Ufer graben, können Fahrzeuge in Biberröhren einbrechen, Straßen absacken, Felder von Biberkanälen durch- zogen werden, im Extremfall Dämme und Hochwasserschschutzdeiche brechen – kein Problem für den Biber, aber für uns Menschen.

Wenn Biber dicke Eichen fällen, Bäume auf Straßen, Felder, Fahrzeuge oder Gebäude legen, teuer angelegte Neupflanzungen abholzen, liebevoll gepflegte Obstbäume umnagen und im Wasser liegende Bäume den Hochwasserabfluß behindern – kein Problem für den Biber, aber für uns Menschen.

Den Gewässern mehr Raum lassen
Die Aktivitäten des Bibers und deren Auswirkungen beschränken sich zumeist auf einen 20 m schmalen Streifen entlang der Gewässer, nur Biberdämme wir- ken sich in einer flachen Landschaft oft größerflächig aus. In Gebieten, in de- nen wir nicht mit den Aktivitäten des Bibers zurechtkommen, ist dies ein deutlicher Hinweis darauf, daß wir zu nahe und zu intensiv am Gewässer wirt- schaften, und am Gewässer nicht das ist, was eigentlich da sein sollte: ungenutztes Ufer.

Der Biber zeigt uns so sehr deutlich, wo wir uns wieder etwas zurückziehen und den Gewässern mehr Raum lassen müssen. Raum nicht nur für den Biber, sondern Raum, den wir aus ganz anderen, viel dringenderen Gründen brauchen: als Pufferfläche gegen Eintrag von Dünger und Pflanzschutzmitteln aus der Landwirtschaft, als Flächen zum Hochwasser- und Grundwasserschutz, als Flächen für die Sanierung und Renaturierung von Auen, als Lebensraum für viele andere Tier- und Pflanzenarten. Raum um das zu schaffen, wovon letzt- endlich auch wir Menschen profitieren: intakte Talräume.

In diesen kann dann auch der Biber leben und agieren, ohne daß wir mit ihm Probleme haben. Und er kann nicht nur darin leben, sondern er muß auch darin leben. Mit seinen Aktivitäten und deren Auswirkungen ist er wesentlich an der Gestaltung intakter Talräume beteiligt.

Architekt und Zugpferd für den Naturschutz an Gewässern
Durch das Fällen von Bäumen beeinflußt er die Struktur und Artenzusammen- setzung in den Uferwäldern, schafft Lichtungen, die allmählich wieder zu- wachsen. Geringelte und abgestorbene Bäume, “Hänger” (umgenagte Bäume, die im Nachbarbaum hängen bleiben) und die ungenutzten Stämme gefällter Bäume schaffen Totholz. Das Graben und Zerfallen von Biberröhren und –kanälen erhöht die Struktur der Ufer, die ausgegrabene und woanders im Gewässer wieder abgelagerte Erde schafft Flachwasserzonen. Biberdämme verändern die Fließgeschwindigkeit des Wassers, schaffen ruhige Biberseen, die durch die erhöhte Sedimentation allmählich wieder verlanden und zuwachsen. Die Auswirkungen der Dämme gehen weit über die überflutete Fläche hinaus, noch in großer Entfernung kann der Grundwasserspiegel steigen, es bilden sich Feuchtflächen in Senken und es ändert sich die Zusammensetzung der Vegeta- tion.

Durch das Zusammenwirken all dieser Aktivitäten schaffen Biber ein reich- haltiges, sich ständig änderndes Mosaik unterschiedlicher Kleinlebensräume mit erhöhter Artenvielfalt. Eine Dynamik, die ohne Biber fehlen würde, und die zu “intakten” Talräumen zweifellos dazugehört.

So ist der Biber Leitart für und unabdingbarer Bestandteil von intakten Tal- räumen, nicht wegen seiner Lebensraumansprüche, sondern wegen seiner Fähig- keit, Lebensräume zu gestalten. Nur wo er dies tun kann, ohne daß wir Men- schen deswegen Probleme haben, haben Gewässer und Auen genügend Raum um sich zu entwickeln.

Die "ökologischen" Aspekte sind aber nur ein Teil der Leitartfunktion des Bibers. Ebensowichtig ist die naturschutzpolitisch-gesellschaftliche Stellung des Bibers, die hier nur erwähnt sein soll. Er findet, wegen seines "knudel- ligen" Aussehens, aber auch wegen seiner unermüdlichen Aktivitäten bei großen Teilen der Bevölkerung Sympathie, zum Teil sogar bei denen, die unter ihm zu “leiden” haben. Damit ist er hervorragend geeignet, als “Zugpferd” Naturschutz an Gewässern und zu vermitteln und Akzeptanz zu schaffen für die großflächige Renaturierung von Talräumen, nicht nur zum Nutzen für ihn selbst, sondern vor allem auch für viele andere Arten und letztendlich auch zum Nutzen für uns Menschen.